

Früher hätte ich vermutlich die Augen verdreht, wenn jemand vom „inneren Kind“ sprach. Das klang für mich nach esoterischem Schnickschnack oder nach etwas, das man in einer Therapie-Stunde bespricht, wenn man sonst keine Sorgen hat. Ich war ein erwachsener Mensch, hatte Verantwortung, einen Job und Verpflichtungen. Für Kindereien war da kein Platz.
Doch je älter ich werde, desto öfter klopft dieses kleine Wesen von damals wieder an. Ich merke, dass die Neugier, die Verletzlichkeit und auch der Trotz von früher nie ganz verschwunden sind. Sie waren nur unter Bergen von Vernunft vergraben. Heute, in einer Phase, in der ich niemandem mehr etwas beweisen muss, fangen wir an, uns richtig gut zu vertragen. Es ist ein Akt der Selbstwirksamkeit, dieses Kind endlich wieder mitspielen zu lassen.
Die Rückkehr der Unbeschwertheit
Kennst du das auch? Diesen plötzlichen Impuls, in eine Pfütze zu springen, laut zu singen, wenn keiner zuhört, oder sich stundenlang in eine Sache zu vertiefen, die „zu nichts nutze“ ist, außer dass sie Freude macht?
Lange Zeit habe ich dieses Kind in mir unterdrückt. Ich dachte, ich müsste „würdevoll“ altern. Aber heute weiß ich: Wahre Würde liegt darin, echt zu sein. Ich profitiere heute enorm davon, dass ich die strenge Aufsichtsperson in meinem Kopf öfter mal in den Urlaub schicke. Wenn mein inneres Kind heute Lust hat, den ganzen Nachmittag lang Vögel zu beobachten oder ein neues Hobby auszuprobieren, bei dem ich mich garantiert erst mal lächerlich mache – dann darf es das.
Heilung durch Verständnis
Sich mit dem inneren Kind zu vertragen, bedeutet aber auch, die alten Wunden ernst zu nehmen. Wir alle tragen Narben aus der Kindheit mit uns herum. Mit dem heutigen Erfahrungsreichtum kann ich dieses Kind von damals endlich so in den Arm nehmen, wie es das damals gebraucht hätte.
Ich erkenne heute mit großer Klarheit, dass viele meiner Ängste oder Reaktionen im Erwachsenenleben eigentlich die Reaktionen dieses kleinen Wesens waren, das sich nicht gesehen oder nicht sicher gefühlt hat. Indem ich heute freundlich zu mir selbst bin, heile ich auch die Vergangenheit. Wir sind heute ein Team: Ich gebe die Sicherheit des Erwachsenen, und mein inneres Kind schenkt mir dafür das Staunen zurück.
Dieser Beitrag gehört zur Kategorie Lebensweg und Rückblick und ist mit dem Tag Selbstwirksamkeit verknüpft – weil wir selbst entscheiden, wie viel Freude wir in unser Leben lassen.
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